Grüne Gentechnik und Imker Drucken

Leserbrief: KWS-Tagung von Stefan Manzek betrachtet

"Die Diskussion über die „grüne Gentechnik“ werde in der Öffentlichkeit „emotional“ geführt, so stellte Herr von der Ohe von der KWS gleich zu Beginn des Imkerkolloquiums fest – und unterstellte damit, dass die, welche so emotional reagierten, es wohl an Sachverstand mangeln ließen.

Mag sein, dass nicht alle naturwissenschaftlichen Einzelerkenntnisse jedem Verbraucher (oder jedem Freizeitimker) zur Verfügung stehen; heißt das aber, dass deshalb der Mehrheit der Verbraucher und der Mehrheit der Imker Sachverstand oder zumindest der gesunde Menschenverstand abgesprochen werden kann, wenn sie sich kritisch mit einer Technologie befassen, deren Folgen jeden Menschen und unser ganzes Ökosystem betreffen?
Zeugt es nicht eher von der Mündigkeit und sachlich-ethischer Kompetenz einer Gesellschaft, wenn sich Bürger gegenüber einer solchen Technologie kritisch verhalten und ihren Ängsten und Befürchtungen auch Ausdruck verleihen?
Wenn es ihren Interessen förderlich ist, setzen übrigens auch Gentechnik-Befürworter gern auf Gefühle: Wie sonst ist es zu verstehen, dass als Argument für die Gentechnik immer wieder die Welt-Hunger-Katastrophe ins Feld geführt wird? Mit den Hungernden der Welt hat jeder Mitgefühl, wie kann man ernsthaft gegen eine Technologie sein, die da Abhilfe verspricht? Verspricht, wohlgemerkt, denn sachlich betrachtet (und darum geht es ja, nicht wahr, Herr von der Ohe?!) sagen viele ernstzunehmende Fachleute, die sich mit Entwicklungsarbeit und Verteilungsfragen in der Welt auskennen, dass der Einsatz von GVO (gentechnisch veränderten Organismen) die Hungerkrise nicht lindert, sondern eher verschärft (den neuesten Welternährungsbericht).
Das hängt unter anderem damit zusammen, dass der Einsatz von GVO gekoppelt ist mit einer zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft und mit einem Zurückdrängen von bäuerlichen Betriebsweisen. Landwirte und Kleinbauern in der ganzen Welt (und besonders in den Entwicklungsländern, mit deren Bewohnern wir so viel Mitgefühl haben), werden systematisch in die Abhängigkeit von großen Agrar- und Chemie-Konzernen gezwungen, welche genverändertes Saatgut und das dazu gehörende Pflanzenschutzmittel gleichzeitig produzieren und vermarkten und sich auch die Patente auf von der Natur gegebenes Genmaterial sichern. Nicht selten führen die so geschaffenen Abhängigkeiten dann in Schuldenfallen und in den Ruin.
Dass mit dieser Wirtschaftsweise auch die Vernichtung jahrhundertealter, bewährter und widerstandsfähiger Pflanzenarten einher geht, müsste Saatzüchtern wie den Fachleuten bei der KWS eigentlich die Tränen in die Augen treiben, wenn sie sich denn ein paar Emotionen gestatten könnten.

 

Mit dem Verlust der Artenvielfalt sind wir dann auch wieder bei den Bienen und den Imkern. Deren Interessen geraten auch in der regionalen landwirtschaftlichen Entwicklung zunehmend ins Hintertreffen. Trachtlücken, die die Imker zum Zufüttern von Honig mitten im Sommer zwingen, sprechen eine deutlich Sprache, welche von der Verarmung unserer Kulturlandschaft kündet.

Das ist zugegebenermaßen kein allein durch GVO erzeugtes Problem; die unnatürliche Heranzüchtung von Nutzpflanzen, die gegen hochgiftige Pflanzenschutzmittel resistent sind oder die selbst starke Gifte gegen Insekten produzieren, trägt jedoch nicht gerade zur Lösung der Problematik bei, sondern verschärft sie. Die Ergebnisse der unabhängigen (?!) Naturwissenschaftler, welche die Gefahren für die Bienen als gering und damit praktisch nicht vorhanden einstuften, konnten große Teile der beim Imkerkolloquium anwesenden Imkerschaft nicht überzeugen. Kritische Anfragen an die Voraussetzungen und die Methodik der Forschungen wurden von den Wissenschaftlern in fast ideologisch erscheinender Weise abgewiegelt. Auf einige für die Imker zentrale sachliche Fragen (wie z.B. nach dem Zusammenwirken von Bt-Pflanzen und der Bienen-Erkrankung Nosema auf die Bienensterblichkeit) mussten die Wissenschaftler Antworten schuldig bleiben. Dass auch rührige redliche Naturwissenschaftler nicht alle Risiken kennen und einschätzen können, ist logisch und verständlich. Dass es mit einer solch neuen Technologie auch keine über Jahrzehnte dauernden Langzeitstudien geben kann, ist auch verständlich. Dass aber aus der Tatsache, dass wir viele Risiken (noch) nicht kennen, der Schluss gezogen wird, es gäbe keine, das erscheint mir sehr gewagt und, mit Verlaub, nicht sehr sachlich und wissenschaftlich. Aus dem Vortrag von Prof. Jany wurde zudem deutlich, dass die unklare Rechtslage im Umgang mit GVO (von Abstandsregelungen bis zur Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln) die Interessen der Bienen, der Imker und der kritischen Verbraucher kaum wiederspiegelt. Es bleibt lobenswert, dass die KWS zum Imkerkolloquium eingeladen und die Vorträge der Wissenschaftler ermöglicht hat. Das ist ein guter Beitrag zur Fortführung der öffentlichen Diskussion. Dass jedoch viele berechtigte Fragen und Bedenken gegenüber der „grünen Gentechnik“ in der Imkerschaft und bei Verbrauchern bleiben, ist ebenfalls – ganz sachlich – festzuhalten. So kann ich dem Fazit eines Imkerkollegen beim Kolloquium nur zustimmen: Das höchste Maß an Sicherheit im Umgang mit GVO bietet ihr Verbot."